Lagerumschlag oder Bestandsreichweite - Mit welcher Kennzahl den Bestand senken?

16. Mai 2008

In den Unternehmen gibt es immer wieder die Diskussion, mit welchen Kennzahlen der Bestand bewertet werden soll. Neben dem absoluten Lagerwert werden der Lagerwert in % vom Umsatz, die Lagerumschlagsrate und die Bestandsreichweite definiert. Einige Unternehmen benutzen auch die Bestandsqualität.

Der absolute Lagerwert ist die primäre finanzielle Messgröße. Dabei werden alle Lagerbestände im Unternehmen - Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige Erzeugnisse und Erzeugnisse - wertmäßig addiert. Ob der Bestand gut oder schlecht ist, lässt sich aus der Zahl nicht erkennen. Der Wert ist häufig fraglich, da mit Pauschalwertberichtigungen bereits Korrekturen vorgenommen sind, die das wirkliche Problem verdecken.

Der Wert im % vom Umsatz ist schon ein erster Anhaltspunkt, wie gut der Lagerbestand ist. Je kleiner der Wert, desto besser der Lagerbestand. Analog wird die Lagerumschlagsrate gemessen: Umsatz geteilt durch Lagerbestand - Wie häufig wird das Lager im Durchschnitt umgeschlagen. Beide Kennzahlen haben ein Problem: Die beiden Bezugsgrößen passen nicht zueinander. Während der Lagerbestand zu Herstellkosten erfasst wird, sind im Umsatz zahlreiche weitere Positionen enthalten, so daß Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Die Bestandsreichweite - Formel: Lagerbestand/Herstellkosten * 365 - ergibt eine bessere Aussage und diese kann auf Teilpositionen heruntergebrochen werden, ist somit auf vielen Ebenen nutzbar. Die Aussage sagt, wie lange das Lager für die Erzielung des Umsatzes reichen würde, wenn keine neue Nachversorgung kommt und die Lagerstruktur richtig ist. Vereinfacht gesagt: Wenn ich ein Zaun um das Lager ziehe, solange könnte theoretisch die Produktion laufen. Je niedriger die Bestandsreichweite, desto besser - aber wehe, wenn dann die Versorgung nicht stimmt. Deshalb sollte immer parallel die Liefertreue gemessen werden!

Ein Problem ist in vielen Unternehmen die richtige Lagerstruktur, also dass von allen Lagerpositionen die richtige Menge vorhanden ist und keine Langsamdreher oder Steher den Lagerbestand beeinflussen. Daher gibt es eine Kennzahl zur Bestandsqualität, die das Verhältnis von gutem Lagerbestand zum gesamten Lagerbestand misst. Bei der Anwendung dieser Kennzahl gibt es immer wieder großes Kopfschütteln, weil die Werte anfang abstrus erscheinen - Nach einer Lagerbestandsoptimierung sehen die Werte aber plötzlich vernünftig aus.

Nach meinen Erfahrungen kann man mit allen Kennzahlen den Bestand senken, ich nutze am liebsten die Bestandsreichweite, weil damit am leichtesten gravierende Verbesserungen errreicht werden können. In Projekten ist die Bestandsreichweite in wenigen Monaten um über 40% gesenkt worden - aber das ist harte Arbeit. Nur ohne eine Kennzahl wird ein derartiges Ziel nicht erreicht.


Lagerbestand reduzieren - wozu Prozesse ändern?

23. April 2008

Bestand ist ein ständiger Diskussionspunkt in vielen produzierenden Unternehmen. Der Vertrieb möchte möglichst viel Lagerbestand, um die Kunden schnell zu bedienen. Die Produktion möchte möglichst viel Material, um alle Produkte zu erzeugen. Aber die Kaufmänner wollen möglichst geringe Bestände, weil das gebundene Kapital Liquidität frisst.

Viele Bestandsreduzierungen sind nicht dauerhaft. Da Bestandsdaten in der Regel nur auf das Monats-, Quartals- oder Geschäftsjahresende berichtet werden, lassen sich die Bestandshöhen leicht durch Sonderaktionen verringern. Alleine wenn in einem Unternehmen die Durchschnittswerte der Quartale verglichen werden, sieht man deutliche Unterschiede. Diese kosmetischen Aktionen führen nicht zu einem wirklich reduzierten Lagerbestand.

Nachhaltige Bestandsverringerungen benötigen Prozessveränderungen! Entweder wird der Produktionsprozess verändert, so daß weniger Produktionsstufen benötigt werden, die Disposition geändert oder der Gesamtherstellprozess verändert - mit den richtigen Maßnahmen lassen sich die Bestände in den Griff bekommen.

Aus unserer Projekterfahrung eignet sich die häufig diskutierte Lagerumschlagszahl nicht so gut wie die Bestandsreichweite, um Erfolge bei der Bestandsreduzierung zu erreichen. Die Bestandsreichweite errechnet sich aus dem Lagerbestandswert geteilt durch den Verbrauchswert normiert auf einen Bezugszeitraum. Diese Werte können bis auf einzelne Positionen auch mit Verbrauchs- und Lagermengen gerechnet werden. Beim Lagerumschlag, der sich auf den Umsatz bezieht, sind zuviele fremde Effekte für eine wirkliche Vergleichbarkeit gegeben.

Die Top-Unternehmen haben Bestandsreichweiten unter 20 Tagen. Wenn die Bestandsreichweite höher ist, sollte geprüft werden, mit welchen Maßnahmen die Bestände reduziert werden können - aber bitte die Prozesse ändern!