Lagerumschlag oder Bestandsreichweite – Mit welcher Kennzahl den Bestand senken?

In den Unternehmen gibt es immer wieder die Diskussion, mit welchen Kennzahlen der Bestand bewertet werden soll. Neben dem absoluten Lagerwert werden der Lagerwert in % vom Umsatz, die Lagerumschlagsrate und die Bestandsreichweite definiert. Einige Unternehmen benutzen auch die Bestandsqualität.

Der absolute Lagerwert ist die primäre finanzielle Messgröße. Dabei werden alle Lagerbestände im Unternehmen – Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige Erzeugnisse und Erzeugnisse – wertmäßig addiert. Ob der Bestand gut oder schlecht ist, lässt sich aus der Zahl nicht erkennen. Der Wert ist häufig fraglich, da mit Pauschalwertberichtigungen bereits Korrekturen vorgenommen sind, die das wirkliche Problem verdecken.

Der Wert im % vom Umsatz ist schon ein erster Anhaltspunkt, wie gut der Lagerbestand ist. Je kleiner der Wert, desto besser der Lagerbestand. Analog wird die Lagerumschlagsrate gemessen: Umsatz geteilt durch Lagerbestand – Wie häufig wird das Lager im Durchschnitt umgeschlagen. Beide Kennzahlen haben ein Problem: Die beiden Bezugsgrößen passen nicht zueinander. Während der Lagerbestand zu Herstellkosten erfasst wird, sind im Umsatz zahlreiche weitere Positionen enthalten, so daß Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Die Bestandsreichweite – Formel: Lagerbestand/Herstellkosten * 365 – ergibt eine bessere Aussage und diese kann auf Teilpositionen heruntergebrochen werden, ist somit auf vielen Ebenen nutzbar. Die Aussage sagt, wie lange das Lager für die Erzielung des Umsatzes reichen würde, wenn keine neue Nachversorgung kommt und die Lagerstruktur richtig ist. Vereinfacht gesagt: Wenn ich ein Zaun um das Lager ziehe, solange könnte theoretisch die Produktion laufen. Je niedriger die Bestandsreichweite, desto besser – aber wehe, wenn dann die Versorgung nicht stimmt. Deshalb sollte immer parallel die Liefertreue gemessen werden!

Ein Problem ist in vielen Unternehmen die richtige Lagerstruktur, also dass von allen Lagerpositionen die richtige Menge vorhanden ist und keine Langsamdreher oder Steher den Lagerbestand beeinflussen. Daher gibt es eine Kennzahl zur Bestandsqualität, die das Verhältnis von gutem Lagerbestand zum gesamten Lagerbestand misst. Bei der Anwendung dieser Kennzahl gibt es immer wieder großes Kopfschütteln, weil die Werte anfang abstrus erscheinen – Nach einer Lagerbestandsoptimierung sehen die Werte aber plötzlich vernünftig aus.

Nach meinen Erfahrungen kann man mit allen Kennzahlen den Bestand senken, ich nutze am liebsten die Bestandsreichweite, weil damit am leichtesten gravierende Verbesserungen errreicht werden können. In Projekten ist die Bestandsreichweite in wenigen Monaten um über 40% gesenkt worden – aber das ist harte Arbeit. Nur ohne eine Kennzahl wird ein derartiges Ziel nicht erreicht.

Über Torsten Becker
Geschäftsführer der BESTgroup Consulting & Software GmbH http://www.bestgroup.eu, Autor des Buches Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren , Springer-Verlag, Berlin.

15 Responses to Lagerumschlag oder Bestandsreichweite – Mit welcher Kennzahl den Bestand senken?

  1. Heinz Sarnau sagt:

    Welche praxisnahe mathematische Formel kann man anwenden um die Lagerbestandsoptimierung in Bezug auf working capital vorzunehmen? Mir geht hier um die Findung des optimalen Punktes oder die Definition eines Prozessfensters.

    Freue mich auf zahlreiche antworten.

    Heinz Sarnau

    • Eine Lagerbestandsoptimierung bezogen auf das Working Capital lässt sich durch die Bestandsqualität abdecken. Damit lässt sich eine Aussage über eine Zielerreichung abdecken. Eine einzige Formel ist mir sonst nicht bekannt.

  2. Pingback: E-Business-Firmen haben geringere Bestände « Prozesse optimieren

  3. Christopher Hunck sagt:

    Schönen guten Tag Herr Dr. Becker,

    In der Formel zur Bestandsreichweite ist ein Fehler
    „Bestandsreichweite = Lagerbestand/Herstellkosten * 365“

    Es müsste aber heißen:
    „Bestandsreichweite = Lagerbestand * 365 / Herstellkosten“

    Beste Grüße
    Christopher Hunck

  4. Sehr geehrter Herr Hunck,

    die beiden Rechnungen kommen bei mir auf das gleiche Ergebnis heraus.

    Aus optischen Gründen wäre es schöner, wenn man

    Bestandsreichweite = (Lagerbestand / Herstellkosten ) * 365

    dann nutzen könnte. Die Größe 365 könnte dann einfach bei Monaten durch 12 oder Wochen mit 52 ersetzt werden.

    Beste Grüße

    Torsten Becker

  5. Christopher Hunck sagt:

    Schönen guten Abend Dr. Becker,

    vielen Dank für die schnelle Rückmeldung, ich hatte die 365 mit unter den Bruchstrich gezogen.
    Besten Dank für die Klärung!

    Beste Grüße
    Christopher Hunck

  6. angehender Supply Chain Spezialist sagt:

    Hallo Zusammen!

    Sehe ich das richtig, dass der Lagerbestand wertmäßig in Herstellkosten zu verwenden ist? Also den Lagerbestand in Stück * jeweilige Herstellkosten? Im Nenner verwende ich dann die Summe der Herstellkosten eines jeden Artikels? Ich kann diese Formel in keinem anderen Fachbuch finden. Herr Dr. Becker, könnten Sie vielleicht eine Beispielrechnung geben? Möglichst vor dem kommenden Mittwoch, denn ich glaube an dem Tag werde ich einige Bestandsreichweiten berechnen müssen.

    Vielen Dank!

  7. Hallo,
    die Lagerbestandsreichweite kann für ein Material bezogen auf den mengenmäßigen Verbrauch und der Lagerbestandsmenge berechnet werden.
    Also ein Material:

    Lagerbestandsreichweite = Bestandsmenge/Verbrauch(für ein Jahr) * 365 Tage pro Jahr

    ergibt eine Bestandsreichweite in Tagen für ein Material.

    Für mehrere Materialien, also die Gesamtbetrachtung, ist der wertmäßige Ansatz sinnvoller. Lagerbestand wird zur Herstellkosten bewertet, deshalb sollten die Herstellkosten für die verbrauchten Werte und der Lagerbestand bei einer wertmäßigen Betrachtung genutzt werden. Dazu ist die obige Betrachtung sinnvoller:

    Bestandsreichweite = (Lagerbestandswert / Herstellkosten für die verbrauchten Menge pro Jahr ) * 365 Tage pro Jahr

    Ergibt wieder eine Bestandsreichweite in Tage.

    Beste Grüße

    Torsten Becker

  8. angehender Supply Chain Spezialist sagt:

    Hallo Herr Dr. Becker,
    alles klar, vielen Dank. Ich wusste nicht dass sich die Herstellkosten im Nenner ebenfalls auf ein Jahr beziehen. So ist es klar.

  9. Hallo „Angehender Supply Chain Spezialist“,

    vielen Dank für die schnelle Rückkopplung. So machen auch die Einheiten Sinn…

    beste Grüße

    Torsten Becker

  10. Student sagt:

    Hallo,
    würden Sie nochmal erklären wie man anhand einer Kennzahl den Bestand senken kann? Die Theorie ist natürlich ersichtlich, höhere LUG –> niedrigeres Lager etc. Aber wie kann eine Kennzahl Einfluss nehmen auf den Bestand? Ich hatte es bisher immer so verstanden, dass die Bestände Einfluss auf eine Kennzahl nehmen. Danke im Voraus!

    • Hallo Student,

      mit einer Kennzahl kann die Bestandsentwicklung verfolgt werden. Wenn ich eine Maßnahme zur Veränderung des Lagerbestand initiiere, kann ich mit der Kennzahl prüfen, ob die Maßnahme gewirkt hat. Es gibt viele Maßnahmen, die eigentlich den Lagerbestand senken sollten, aber die Kennzahlen haben sich nicht verändert, also haben die Maßnahmen nicht gewirkt.

      Die Bestandsreichweite zeigt auch bei veränderten Geschäftsverlauf – mehr oder weniger Umsatz – ob sich der Bestand relativ zur Geschäftsentwicklung reduziert hat.

      Ich hoffe, das erklärt das Zusammenspiel von Bestand, Maßnahmen und Erfolgskontrolle.

  11. Student sagt:

    Vielen Dank für Ihre Antwort! Ja, ich glaube ich habe einfach nur Probleme mit der Formulierung Einfluss von Kennzahlen auf beispielsweise einen zu hohen Bestand. Meiner Meinung nach dienen die Kennzahlen ja nur zur Analyse des Ist-Zustandes und haben nicht die „Kraft“ auf etwas Einfluss zu nehmen, höchstens sie zu analysieren und daraus eine Maßnahme oder Handlungsempfehlung abzuleiten.

  12. Peter sagt:

    Hallo Her Verfasser,

    ich kann den Unterschied Reichweite über Verbrauch und über HK nicht ganz greifen. Ich interpretiere das so, dass nur bei einer heterogenen Produkt/ Materialstruktur (bzg. auf die HK) Ihr Vorschlag greift.

    Oder wo gibt es sonst Vorteile zu der „klassischen“ Berechnungsart?

    Danke für den Austausch,

    Peter

    • Hallo,

      bei einem Material kann ich über die Verbrauchsmenge gehen und bekomme zwischen Lagerbestands- und Verbrauchsmenge (der Vergangenheit oder besser erwarteten Verbrauch der Zukunft) eine Bestandsreichweite.

      Nun habe ich im Lager aber verschiedene Materialien mit unterschiedlichen Verbräuchen und Werten. Beispiel: Unterlegscheibe mit 2 Euro pro 100 Stück Wert sowie 500 Stück pro Endprodukt und einer Steuerung für 1500 Euro /Stück sowie 1 Stück pro Endprodukt.

      Für den gesamten Lagerbestand für den Vergleich über heterogene Materialwerte kann ich den Vergleich über die Summe der Lagerbestandswerte (typischerweise zu HK) und der Summe der Verbrauchswerte (auch zu HK) zu einer vergleichbaren Aussage kommen, die dann bei einer einzelnen Position der Bestands- und Verbrauchsmenge entspricht.

      Beste Grüße

      Torsten Becker

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