Business Process Management (BPM) – Neuer Hype in alten Schläuchen für Supply Chain Management (SCM)

Business Process Management ist nach Gartner einer der Haupttrends der kommenden Jahren. Die Technologie ist reif, mit ausgefeilten Lösungen systemübergreifend Prozesse zu beherrschen. Es werden weiter steigende Einsätze dieser Technologie erwartet. Aber: Ist das Ganze neu? Heißt es nicht, altes wieder aufzuwärmen? Schon an der Uni haben wir gelernt: Organisation vor Technik – wo ist da das BPM?

Ist Business Process Management neu?

Die deutsche Industrie hat lange die Ablauforganisationsoptimierung als Hilfsmittel zur Optimierung von Abläufen als Kernkompetenz besessen. Mit der steigenden EDV-Durchdringung ist aus den Organisations- und Datenverarbeitungsabteilung immer stärker eine IT-Abteilung geworden und aus dem Organisationswesen ist sehr stark die Aufbauorganisation übrig geblieben.

Die guten Ansätze sind als Business Process Management aus Amerika wieder nach Deutschland herübergeschwappt, in mehreren Wellen. Vielleicht gab es kein Wort für Ablauforganisation in Amerika, aber viele Ansätze aus der Ablaufverbesserung sind nahtlos in das Business Process Management eingeflossen. Also ist das BPM eine deutsche Tugend, die in vielen Unternehmen in Vergessenheit geraten ist. Hier kann man sich an verschiedenen Stellen Anregungen zur Verbesserung holen, z.b. hier.

Organisation vor Technik bedeutete, dass ein Unternehmen die Prozesse optimieren sollte, bevor die Technik eingesetzt wird, hier also insbesondere die Ablauforganisation.

BPM IT Lösungen als Lösung für Supply Chain Management Probleme

Die neuen IT-Lösungen zum Business Process Management versprechen, die unterschiedlichen Softwaresysteme zu verknüpfen und optimierte Prozesse darzustellen. Mit den modernen Softwaretechniken wird ein neuer Klebstoff zwischen den alten Systemen geschaffen, so dass auf dem bestehenden Fundament renoviert werden kann.

Mit vielen Möglichkeiten und komplexen Algorithmen können beliebige Systeme und das menschliche Zutun in Prozessen definiert werden und diese von den BPM-Lösungen gesteuert werden. Ziel ist es, schneller, besser zu werden mit dem Nachteil, dass die Probleme der Systeme nicht gelöst werden.

Aus meiner Sicht sind die BPM IT-Systeme ein Eingeständnis, dass viele IT-Lösungen – von ERP bis zum Webshop – trotz aller Integrationsversprechen losgelöste Inseln geblieben sind oder die an sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen. In vielen Unternehmen lassen sich die Prozesse nicht mehr diskutieren, ohne die Begrenzungen der ERP- oder anderer DV-Systeme zu berücksichtigen -hier treiben die Systeme die Prozesse und nicht umgekehrt. Dass BPM nun Organisation nach Technik verspricht, klingt nach einem Treppenwitz.

Hier wird zum Vorteil von Systemintegratoren und Beratungen ein riesiger Aufwand getrieben. bestehende Systemprobleme zu Lasten der Kunden und zu deren Kosten zu lösen. Die nichtgemachten Hausaufgaben der Systemanbieter werden nun zu Aufgaben der Kunden.

Fazit: Wir brauchen bessere Supply Chain Management Lösungen!

Business Process Management ist nicht neu. Es wird heute so gebraucht, wie alle Jahre vorher – insbesondere im Supply Chain Management (SCM). Statt wie früher, nur die Abläufe zu optimieren, soll nun mit BPM die zahlreichen Lücken zwischen den Software-Inseln gelöst werden oder auftretende Probleme gelöst werden.

Die monolithischen Softwarelösungen mit ihrer geringen Flexibilität zementieren Unternehmen in althergebrachte Prozesse. Große Prozessveränderungen sind nur möglich, wenn mit BPM-Lösungen die Schwächen der Software übertüncht werden. Hier wird ein zusätzlicher Layer an Komplexität geschaffen, der die allfälligen Release-Wechsel immer schwieriger werden läßt.

Dem Supply Chain Management wäre zu wünschen, dass die Komplexität der Lösungen abnehmen würden und die Unternehmen eine Möglichkeit zur schnellen Adaption bekommen. Auch wenn BPM die Möglichkeit dazu darstellt, die Nachteile überwiegen aus meiner Sicht. Hier sind die Anbieter gefordert, mit neuen innovativen Lösungen die Probleme an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu lösen, nicht an den Symptomen mit BPM herumzudoktorn.

Über Torsten Becker
Geschäftsführer der BESTgroup Consulting & Software GmbH http://www.bestgroup.eu, Autor des Buches Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren , Springer-Verlag, Berlin.

2 Responses to Business Process Management (BPM) – Neuer Hype in alten Schläuchen für Supply Chain Management (SCM)

  1. Daran ist viel Wahres. Trotzdem würde ich die BPMS-Technologie nicht von Vornherein verteufeln. Bietet sie doch grundsätzlich die Möglichkeit, flexiblere und leichter adaptierbare Anwendungen in Form von „Composite Applications“ zu entwickeln. Wenn SCM-Systeme nicht mehr monolithisch sind, sondern aus flexiblen, über eine Integrationsplattform verknüpfte Service-Bausteinen bestehen, lassen sich z. B. einzelne Bausteine austauschen oder Drittanbieter-Komponenten leichter integrieren. Auch Releasewechsel im klassischen Sinn muss es nicht mehr geben, wenn einzelne Kompontenen nach Bedarf aktualisiert werden.

    Was natürlich nicht passieren darf: Dass man die komplette Problematik auf die Anwender verlagert, die selbst sehen (oder teure Berater beauftragen) müssen, wie sie die ganzen Anwendungen und Komponenten integrieren und managen.

    Hier sind in der Tat die Anbieter in der Pflicht, nicht nur „leere“ Plattformen anzubieten, sondern auch vorgefertigte Prozesse für einzelne Branchen und Anwendungsbereich mit auch inhaltlich nahtlos zusammen spielenden Services.

  2. Sehr geehrter Herr Allweyer,

    ich habe immer wieder festgestellt, dass das Wissen über die Fähigkeiten eigener Systeme nicht vorhanden ist. Im Sinne des „scientific management“ werden die Systeme nicht beherrscht. Bei Unzufriedenheit werden dann schnell neue Systeme gesucht, die das bestehende System ergänzen, anstatt die richtige Lösung zu finden und auch einige „Heilige Kühe“ entfallen zu lassen.

    Hier sind die Anwender m.E. in der Pflicht, ihre Systeme zu verstehen und das Beste daraus zu machen.

    Die Anbieter beweisen m.E, nur, dass die Systeme ihr Versprechen nicht erfüllen und bieten eine Lösung an.

    Mit den vielen Schnittstellen besteht die Gefahrt, dass bei einem Releasewechsel einzelner Systeme die Funktionalität in der aktualisierten Version sich leicht verändert. Damit funktioniert die Prozesskette nicht mehr oder nicht mehr richtig. Die zu beherrschende Komplexität für den Anwender steigt ins Unermessliche.

    Die Diskussion zwischen „Best of Breed“ und „Good Enough, but extendible“ ist wahrscheinlich noch nicht am Ende

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