Lagerbestand senken oder optimieren?

In vielen Unternehmen wird derzeit wieder über den Lagerbestand diskutiert. Während er für einige immer noch zu hoch ist, ist der Bestand für andere derzeit nicht hoch genug. In dieser Zeit des massiven Anstiegs ist die Frage, ob ein Unternehmen den Lagerbestand vorhält, um kurzfristig liefern zu können.

Ist der Lagerbestand zu hoch und zu niedrig?

Die Frage ist sicherlich richtig gestellt. Die Erfahrung zeigt, dass die Lagerbestände pro Position bei einigen Artikeln zu hoch sind und das in Folge in Summe der Lagergesamtbestand zu hoch ist, während bei einigen Artikeln der Lagerbestand zu niedrig ist. Typisches Kennzeichen einer derartigen Situation sind hohe Lagerbestände und trotzdem Materialversorgungsprobleme oder schlechte Liefertreue – also klare Hinweise auf eine falsche Lagerstruktur oder falsche Prozesse.

Unternehmen mit einem hohen Reduzierungsdruck arbeiten häufig daran, dass bei einigen schnelldrehenden Artikeln der Lagerbestand zu niedrig wird, weil hier schnelle Änderungen möglich waren. Wenn die Wiederbeschaffungszeiten – wie während dieser Zeiten bei einer stark gestiegenen Nachfrage – nach oben gehen, treten Versorgungsprobleme auf, der Lagerbestand reicht nicht aus. Die Bewertung ist: Der Lagerbestand ist zu niedrig und die Senkung in der Vergangenheit war falsch. In meinen Augen war die Senkung falsch, weil die Einflussgrößen auf den Lagerbestand nicht geändert wurden und so die Senkung nicht nachhaltig beibehalten werden kann.

Das Problem ist nicht die Höhe des Lagerbestands sondern das Richtige im Lager zu haben

Um es kurz zu sagen: Der Lagerbestand kann beliebig niedrig sein, wenn genau die Teile und Produkte dort vorhanden sind, die für die nächsten Tage benötigt werden. Leider ist die Versorgungspipeline einerseits nicht stabil und andererseits durch Losgrößen und viele Störungen gekennzeichnet. Eine genaue Vorhersage, wann die Waren tatsächlich benötigt werden, ist nicht möglich, die Reaktionszeiten in der Prozesskette zu lang. Und so entsteht das Problem von fehlender Lagerverfügbarkeit und auf der anderen Seite zu hoher Lagerbestände der falschen Produkte.

Die Variantenvielfalt in der Produktion, hohe Losgrößen und Transportmengen sind ein Grundproblem bei der Versorgungssicherheit. Deshalb entstehen häufig Bestände, die nicht benötigt werden und deshalb immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Was ist zu tun?

Ein Unternehmen muss definieren, wie es mit den externen und internen Lieferanten arbeiten will, um eine Versorgungssicherheit zu erreichen. Entweder durch Supply Chain Planung oder durch einen Lieferplan. Auf alle Fälle muss die Versorgung (Menge und Termine) mit den Lieferanten abgestimmt sein.

Es ist für die ERP-Systeme eminent wichtig, dass die Wiederbeschaffungszeiten aktuell gepflegt werden, da sonst die Disposition nicht funktionieren kann. Ein Unternehmen, dass seine Wiederbeschaffungszeiten nicht vernünftig kommuniziert, riskiert, seine Kunden zu verlieren, weil ein anderer Wettbewerber pünktlicher liefern kann.

In Summe ist in meiner Beobachtung immer noch die Bewertung, dass der Lagerbestand in Summe zu hoch ist. Einzelne Positionen sind zu niedrig, aber in den meisten Fällen ist nicht das richtige im Lager. Wenn bei der Bestandsreichweite im SAP für einen Artikel der Wert 999 für eine unendliche Reichweite steht, ist der Lagerbestand für diese Position sicherlich zu hoch. Wenn für viele Positionen die Reichweite zu hoch, ist schnell der Lagerbestand in Summe zu hoch. Deshalb heißt es, mit klaren Prioritäten zu klären, an welchen Stellen der Lagerbestand anzugreifen ist.

Nur ein Reduzieren von Beständen ohne eine Veränderung von Prozessen oder Strukturen hilft nicht, da dies nur in meinen Augen eine Lagerbestandskosmetik ist, aber nicht eine bleibende Reduzierung aufgrund veränderter Rahmenbedingungen. Deshalb bedeutet eine dauerhafte Senkung der Lagerbestände auch eine deutliche Veränderung der Prozesse und Strukturen.

 

 

Über Torsten Becker
Geschäftsführer der BESTgroup Consulting & Software GmbH http://www.bestgroup.eu, Autor des Buches Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren , Springer-Verlag, Berlin.

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