Muss ich den Lagerbestand erhöhen, um die Liefertreue zu verbessern?

In vielen Diskussionen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass eine hohe Liefertreue abhängig vom Bestand ist. Ich habe leider immer wieder feststellen müssen, diese Aussage ist häufig FALSCH.

Der Mythos hoher Lagerbestand

Ein hoher Lagerbestand für eine Produkt bedeutet, dass in der Produktion oder im Einkauf große Losgrößen und lange Wiederbeschaffungszeiten erforderlich sind. Wenn der Lagerbestand pro Produkt hoch ist, dann kann das Produkt auch gut geliefert werden. Mit steigender Variantenanzahl steigt der Lagerbestand dann weiter.

Mit einer steigenden Anzahl von unterschiedlichen Produkten steigt aber die Gefahr, dass ein Produkt nachproduziert werden muss. Wegen der hohen Stückzahlen sind die Maschinen für eine lange Zeit belegt. Wenn ein weiteres Produkt auf die gleichen Maschinen zugreift, dann ist die Produktion erst nach Fertigstellung des anderen Produktes möglich. Es tritt neben der langen Produktionszeit auch noch eine längere Wartezeit auf. Bei mehrstufiger Produktion kann dieser Effekt an verschiedenen Stufen auftreten. In Summe verlängert sich die Wiederbeschaffungszeit für das Produkt und der Lagerbestand steigt weiter.

Je höher die Produktvariantenzahl wird, desto unregelmäßiger wird der Bedarf. Wenn ich die Verbrauchskurven von einigen Produkten mir ansehen, ist dort mit ein bis drei Aufträgen pro Jahr die Voraussetzung für die Standardformel für die wirtschaftliche Losgröße nicht gegeben. Ein gleichmäßiger Abgang kann bei 1-3 Aufträgen pro Jahr kaum unterstellt werden. Wenn die Wiederbeschaffungszeiten dann auch noch stark schwanken, dann ist ein hoher Sicherheitsbestand erforderlich.

Lösungsmöglichkeiten zum Erhöhen der Liefertreue

Die Liefertreue verbessert sich, wenn die Reaktionszeiten in der Supply Chain verringert werden. Je schneller ein Auftrag von der Supply Chain realisiert werden kann, desto geringer ist der erforderliche Bestand. Im Extremfall – Build-to-order – wird das Produkt in der vom Kunden gewünschten Lieferzeit hergestellt und ohne Lager direkt geliefert.

Kurze Reaktionszeiten setzen voraus:

  • Kurze oder keine Rüstzeiten
  • Flexibilität für Stückzahlschwankungen

Je kürzer die Rüstzeit, desto kleiner sind die wirtschaftlichen Losgrößen desto kürzer sind die Maschinen belegt. Je langsamer ein Unternehmen auf Stückzahlschwankungen reagieren kann, desto länger werden die Lieferzeiten. Wenn ein Unternehmen nur einmal pro Woche eine Kapazitätserweiterung (Sonnabendschicht) einsetzen kann, dann sind schnell Rückstände aufgebaut. Wenn die Produktionskapazität an den Engpässen im Laufe der Woche um 40% nach oben und unten tageweise schwanken kann, dann kann ein Nachfragehoch schneller ausgeglichen werden.

In der Kombination der beiden Ansätze mit einigen Ergänzungen- Kurze Rüstzeiten, optimale Materialverfügbarkeit auf Komponentenebene, Flex-Möglichkeiten – lassen sich große Teile des Lagerbestandes bei geeigneten Strukturen vermeiden.

Wichtig bei der ganzen Lösung ist eine Gesamtoptimierung. Es nutzt nicht, die interne Produktionsdurchlaufzeit zu verringern, wenn der letzte Arbeitsschritt nur in großen Mengen als externe Werkstattfertigung bei einem Zulieferer möglich ist.Produktaufbau und Produktionstechnologie sind auf kurze Reaktionszeiten auszurichten und das mit einem geeigneten Gesamtkonzept hinterlegen. Hierfür lässt sich keine Generalempfehlung geben, das hängt von den Einzelfällen ab – eine Diskussion kann hier schon weiterhelfen, z.B. mit BESTgroup, den Umsetzungsexperten in der Supply Chain.

Über Torsten Becker
Geschäftsführer der BESTgroup Consulting & Software GmbH http://www.bestgroup.eu, Autor des Buches Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren , Springer-Verlag, Berlin.

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