IT in Supply Chain und Lean Production – Es gibt noch viel zu tun

Über 50% ist der Unterschied zwischen Bedeutung der ERP-Software und der Zufriedenheit damit nach einer aktuellen Studie (Cecere). Wenn über Software in der Produktion diskutiert wird, kommt sehr schnell Unbehagen auf, denn die Antworten sind alles andere als zufriedenstellend. Meiner Erfahrung nach lassen sich die Antworten aus der Produktion in drei Gruppen unterteilen:

  1. Die Software allgemein taugt nichts für die Produktion
  2. Nach Lean ist die Bedeutung der Software überbewertet, wir brauchen weniger Software
  3. Die Software kann bestimmte Funktionen erfüllen, aber wir benötigen noch weitere Ergänzungen und Anpassungen

Zu 1. Fehlende Eignung von Software für die Produktion

Im Gegensatz zur Buchhaltung ist die Produktion komplex. Es sind unterschiedliche Prozesse zu betrachten, die Anforderungen sind sehr variabel und die Prozesse unterscheiden sich sehr zwischen den Unternehmen. Eine starre Software passt selten und bei anderen Lösungen ist zu klären, welche Konfigurationen und Anpassungen zu der besten Lösung passen. Häufig sind die Prozesse komplex und die Abbildung der Prozesse in den EDV-Systemen weicht stark von der Realität ab. Fehlende Stammdaten, falsche Strukturen und falsche EDV-Philosophien führen zu einem Chaos und einer mangelnden Akzeptanz der Systeme. Tatsächlich sind allgemein anerkannte ERP-Systeme sehr mächtig, aber im Bereich Produktion nicht besonders fähig und ein Großteil der Probleme lassen sich in der ERP-Software nicht direkt lösen.

Meine Bewertung: Die bestehende Software deckt die Funktionen in der Produktion nur teilweise ab. Eine optimale Softwareunterstützung besteht aus einer Kombination von Lösungen, die allerdings schnell komplex wird. In den meisten Unternehmen wird aber nur mit einer oder zwei Lösungen versucht, die Komplexität abzubilden. Das ist zu wenig.

 Zu 2. Zuviel Software

Aus der Lean Management-Philosophie kommt die Anforderung, möglichst wenig EDV in der Produktion nutzen. Fließproduktion und Kanban setzen nicht den Einsatz von EDV voraus, sie können auch sehr gut ohne EDV funktionieren. Aber in den meisten Unternehmen sind die Prozesse zu komplex, um mit einer einfachen Fließproduktion abgebildet zu werden und die Nachfrage schwankt so stark, dass die Kanbankreisläufe in manchen Fällen monatlich angepasst werden müssen.

Der Ansatz aus der Lean-Philosophie: Weniger ist mehr gilt auch für den EDV-Einsatz. Es macht sicherlich nicht Sinn, Buchungen durchzuführen, deren Kosten den Wert des Geschäftsprozesses übersteigen. Leider sind die wenigsten Unternehmen in der Lage, ihre Prozesse so zu entschlacken und ihr Produktportfolio so zu verschlanken, dass nur noch wenige Fließprozesse übrigbleiben.

Meine Bewertung zeigt, dass die Produkt- und Prozesskomplexität in vielen Unternehmen zu groß ist, um ohne Software auszukommen. Dennoch sollte der Ansatz sein, so wenig Technik wie möglich.

Zu 3. Software muss für die Produktion besser werden

Viele Klagen höre ich über die Software in der Produktion. Viele Funktionen lassen sich nicht vernünftig abbilden. In der oben erwähnten Studie ist die Differenz zwischen Bedeutung und Zufriedenheit in der Produktion am drittschlechtesten: 38% beträgt die Differenz. Für die vielen Ansätze lassen sich Anforderungen diskutieren, aber es gibt nur Teillösungen.

Meine Bewertung: Es wird von der Software in der Produktion erwartet, dass sie eine eierlegende Wollmichsau ist. Man kann auch schon erste Ergebnisse mit nicht 100% perfekten Systemen erreichen, eine Verbesserung hilft immer. Statt lamentieren sollten die Anforderungen zusammengetragen und systematisch aufbereitet werden. Dann kann auch eine Verbesserung stattfinden.

Fazit

Der alte Grundsatz der Produktionssystematik Erst Systematisieren, dann Systematisieren gilt in der Produktion weiterhin. Mit Lean- und anderen Ansätzen kann die Komplexität in der Produktion verringert werden und dann die einfacheren Prozesse besser per EDV unterstützt werden. Chaos mit dem Rechner lösen zu wollen, führt zum System Garbage in, Garbage out. In der Produktion ist durch die mangelnde Standardisierung der Unterstützungsbedarf durch Software höher. Viele Ansätze, die teilweise 30 Jahre und älter sind, passen heute nicht mehr. Ein wesentlicher Lösungsbaustein von Industrie 4.0 muss die Entwicklung neuer Algorithmen und Softwareangeboten sein, die auf die aktuellen Anforderungen besser abgestimmt ist.

 

Über Torsten Becker
Geschäftsführer der BESTgroup Consulting & Software GmbH http://www.bestgroup.eu, Autor des Buches Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren , Springer-Verlag, Berlin.

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